Donnerstag, 19. Januar 2012

Leblos

Vierter Oktober 1934. Ein Tag, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
Meine Freundinnen und ich spielten in unserem kleinen, verwilderten Garten verstecken. Kalter Wind wehte durch mein langes Haar, spielte mit den einzelnen, schwarzem Strähnen. Wir liefen kichernd, kreischend herum, hüpften über das lang gewachsene Gras. Ich sah nach vorne. Ein großer, bunter Laubhaufen von wahrscheinlich mehr als tausenden Blättern türmte sich vor mir auf wie eine festliche Burg. Vollkommen fasziniert rannte ich hinter den Laubhaufen, bis zu unserem Zaun, nahm Anlauf, und sprang mitten hindurch. Der Turm aus Blättern zerbarst auseinander, und schon kurz danach segelten die einzelnen Blätter durch die Luft und landeten auf meinem Kopf. Kichernd lief ich weiter. Der Himmel war grau und doch auf irgendeine Art und Weise einfach wunderschön. „Ich liebe den Herbst!“, flüsterte ich leise vor mir hin. Verträumt blickte ich gen' Himmel, und setzte mich dann zurück in den inzwischen verteilten Laubhaufen. Der Wind wurde kälter und ich zog meinen ausgeleierten Mantel noch mehr zusammen. Als ich aufstehen wollte bemerkte ich etwas hartes unter mir. Es war ein Stein. Nicht gerade groß, eher rund, und ziemlich scharf. Lächelnd nahm ich ihn zwischen meine Finger und warf ihn zur Seite. Dann sah ich den Friedhof. Der Friedhof, der schon immer neben unserem Haus gestanden hatte. Seit ich lebe. Ich starrte auf die kleine Mauer, die ihn umgab.
Ich war wie gefesselt, konnte meinen Blick nicht mehr abwenden.
Motorisch stand ich auf und ging hinüber zu unserem fast zerfallenen Zaun, den mein Großvater nur noch sehr schwer alleine Reparieren konnte. Er war alt, und schon lange Zeit auf unsere Hilfe angewiesen. Seine übrig gebliebenen Kräfte reichten einfach nicht mehr aus. Ich lebte allein mit ihm. Meine Großmutter ist schon lange tot, nur sehr wenige und verschwommene Erinnerungen an sie sind mir zurückgeblieben. Meine Eltern habe ich nie gesehen. Wo sie jetzt sind … und ob sie noch leben, weiß ich nicht.
Ich duckte mich und kletterte in das kleine Loch an der Stelle, wo unser Zaun schon sehr verrostet war. Auf der anderen Seite wieder angekommen, rappelte ich mich auf und lief um die Ecke zum Eingang des Friedhofes. Als ich meine Hand um den alten, verrosteten Riegel des Tores schloss, um es zu öffnen, beschlich mich auf einmal ein mulmiges Gefühl. Kinder durften den Friedhof nicht betreten. Zu viele Gefahren sollten hinter diesem Tor lauern. Was für Gefahren? Ich weiß es nicht. Mein Großvater redet nie darüber. Keiner redet darüber. Es ist wie ein altes, wertvolles Geheimnis, über das keiner wagt zu reden. Plötzlich spürte ich Wärme an meinem Rücken. Wie heiße Flammen, die sich von meinen Beinen aus nach oben züngelten. Als ich die brennende Hitze nicht mehr aushielt, drehte mich mich blitzschnell um. Doch das einzige, was dort zu sehen war, war die alte Eiche, die mir mit ihren Zweigen das Gesicht zerkratze. Ich stöhnte auf und drehte mich wieder zum Tor. Den Riegel hatte ich nicht losgelassen. Ich sah das alte Gemäuer an. Es war nicht sonderlich hoch, vielleicht zwei, drei Meter, doch trotzdem strahlte sie eine Kraft aus, eine Art Schutz für die Gräber. Ich ließ den Riegel los. Das Mulmige Gefühl hatte sich verstärkt. Ich bekam Angst, und wollte zurück in den Garten, doch meine Beine bewegten sich keinen Zentimeter, als hätte man sie angeklebt. Irgendetwas hielt mich auf. Ich warf noch einmal einen Blick auf das Eiserne Tor vor mir. Irgendwie machte es mich traurig. Es waren nicht die verstorbenen. Vielleicht die Engel der Gräber, die kalte Mauer, die der Friedhof umringte? Es war mir nicht klar, aber ich verspürte eine Anziehungskraft. Eine starke Kraft, die mich nach vorne zog, hin zu dem Riegel. Mich ergriff Panik, hatte Angst. Ich wollte schreien, aber meine Stimme war wie ausgelöscht. Meine Hand packte wie von selbst den Riegel. Das war nicht ich! Mit aller Kraft riss ich mich davon los, als würde es um mein Leben gehen. Dann rannte ich mit meinen kleinen, kaputten Stiefeln durch das Laub davon.
Ich keuchte, als ich endlich das kleine Loch in unserem Gartenzaun erreicht hatte. Ich wollte gerade hindurch schlüpfen, als mich etwas starkes von hinten packte. Mein Körper wurde nach hinten gerissen, und schlug hart neben der Friedhofsmauer auf. Verstohlen rieb ich mir den Schädel. Ich wollte aufstehen und wegrennen, aber mein rechtes Bein tat zu sehr weh. Wahrscheinlich hatte ich es mir beim Aufprall verdreht. Ich stieß einen schmerzvollen Seufzer aus. Von oben hörte ich Gemurmel. Ich verstand nicht, was gesagt wurde. Nur einzelne Wörter drangen zu mir hervor. „wegbringen“ … „Befehl“ … „Schmerzen als würde man durch den Fleischwolf gedreht..“
Ich wagte mich keinen Millimeter zu bewegen. Mein Atem ging flach. Eine unbegreifliche Angst breitete sich in mir aus. Dann spürte ich wieder einen harten Griff in meinem Nacken. Kurze Zeit danach hing mein Körper der Luft. Mit einem mal war meine Stimme wieder da. Ich fing an zu schreien, schrie nach Hilfe, zappelte wie wild, versuchte mich aus dem Griff zu befreien, aber ich hatte keine Chance.
Ein Mann kam von vorne auf mich zu, mit einem Geknoteten Stofftuch in der Hand. Blitzschnell packte er meinen Kopf und zwang mich, das Tuch in den Mund zu nehmen. Ich versuchte weiter zu schreien, aber das Tuch dämpfte alles was aus meiner Kehle drang. Der Mann band das Tuch an meinem Hinterkopf so fest zu, das meine Mundwinkel anfingen zu bluten. Ich wollte weiter schreien, doch mir ging die Kraft dazu aus. Insgeheim hoffte ich, das einfach mein Großvater aus der Haustür gesprungen käme, und mich holen würde … oder das alles einfach nur ein Traum wäre. Aber es fühlte sich so echt an, dass ich schnell den Glauben daran verlor einfach aufzuwachen. Ich spürte, wie sich die Gestalt, die mich hochgezogen hatte, bewegte. Mit tränenden Augen sah ich nur noch wie die vertraute Umgebung hinter zwei riesigen Türen verschwand. Dann war es dunkel.

Wasser. Es tropft. Von der Decke.
'Pitsch. Patsch. Pitsch. Patsch'
Ich spüre, wie mir dir Kälte in die Beine kriecht, die abgemagert auf dem kalten Boden zu zittern anfangen. Ich ziehe die Knie an mein Kinn und versuche mich irgendwie warm zu halten, doch fast zu schnell begreife ich, dass es nicht funktionieren würde. Ich rolle mich auf dem Boden zusammen und beginne zu wimmern.
Mein Blick schweift durch den abgedunkelten Raum, fängt sich an der Wand an der ich immer schlafe. In sie sind Kerben geritzt.
Ich habe für jeden Tag den ich nun hier war mit meinem Fingernagel eine neue Kerbe hinein gekratzt. Im schwachen Licht beginne ich zu zählen. Die einzelnen Zahlen gehen mir durch den Kopf, je weiter ich kam desto mehr schmerzt er mir.
'15'.
Ob es überhaupt 15 Tage sind? .. Ich habe jegliches Zeitgefühl schon lange verloren. Nur an das Knarren der Tür, wenn Hannes jeden Morgen raus geführt wird, kann ich mich orientieren … wenn es da überhaupt morgen ist ...
Schon nach kurzer Zeit sah ich den Rhythmus, in dem wir alle nach der Reihe drankamen.
Erst Hannes, dann Marie, Hannelore, Friedrich, ich, Annabelle und Dieter.

Ich habe Hunger. Mein Magen tut weh.
Ich drehe mich um und schreie auf.
Mein Körper schnellt hoch und ich fasse mir mit der Hand an den Rücken. Ich spüre Blut.
Sie ist wieder aufgeplatzt. Ich beginne zu weinen und versuche, den Schmerz zu ertragen.
Was sie wohl heute mit mir anstellen werden?
Ich lausche den durchdrehten Schreien von Marie, und verziehe mich in die hinterste Ecke meiner Zelle.
Ich spüre wie das Blut meinen Rücken hinunter läuft und muss mich schütteln.
Eine Zelle weiter höre ich das Schluchzen von Hannes.
Ich wünschte ich könnte ihn umarmen und sagen das alles gut wird, ich wünschte ich könnte hier weg …
Marie bricht durch die Tür. Ein Mann zeiht sie schroff zu ihrer Zelle und wirft sie unachtsam in die Ecke als wäre sie ein Gegenstand. Leblos.
Der Mann wendet sich zügig zu der Tür. An meiner Zelle bleibt er plötzlich stehen.
„Steh auf!“ Ich kauere weiter in meiner Ecke. „STEH AUF!“ Der beißende Ton in seiner Stimme rappelte mich hoch. Ich zuckte zurück zur Wand und klammerte mich an sie so gut es ging.
„Ts. Ts. Ts.“ Der Mann schüttelt den Kopf. „Komm her.“ Langsam schleiche ich mich nach vorne. In Reichweite packt mich der Mann am Hemd und zieht mich nach vorne. Sein Blick schweift über mein angsterfülltes Gesicht und bleibt an einer blutigen Stelle des dünnen, grau – weißen Hemdes hängen. Er schaut mir in die Augen. Ich drehe mein Gesicht weg zu Seite. „Hast du genug?“ Ich kneife die Augen zusammen. Der Mann packt meinen Kopf und rüttelt mich bis ich mit einem Schrei die Augen aufreiße. „MILENA! Hast du GENUG?“ Ich starre ihm in Augen, tränen schleichen über meine Augen.
Er sieht mich an und schlägt mir ins Gesicht. Ich taumele zurück und knalle mit dem Kopf gegen die Wand. Mein Körper rutscht zuckend nach unten. Ich spüre nichts mehr. Nur den brennenden Schmerz auf meiner Wange.
Vor mir schlägt die Tür zu.

Während Hannelore und Friedrich verschwinden, krabble ich zurück in die Ecke.
Meine Angst wächst.
Nach einer halben Ewigkeit, ich hätte alles getan, damit es noch länger gedauert hätte, kam Friedrich winselnd zurück.
Ich wartete auf Hannelore.
Sie kam nicht mehr.

Ich weiß nicht, was ich heute erwarten soll.
Ob sie meinem Rücken noch mehr schaden werden?
Vorsichtig fasse ich mir an die aufgeplatzte Wunde und muss feststellen, dass sie immer noch blutet.
Die alte Eisentür wird aufgezogen und meine Zelle aufgeschlossen.
Auch wenn ich weiß, dass es nichts bringt, klammere ich mich an den Boden und versuche, mich nicht losreißen zu lassen.

Doch ehe ich mich orientieren konnte schleifte man mich aus der Zelle.
Ich schrie und versuchte mich so zu wenden dass der Mann, der mich hinter sich her schleifte, seine Hände drehen musste.
Nach fünf Minuten vergebenem Kampfes kam ich zu dem Entschluss, dass es tatsächlich Menschen geben musste, die keinen Schmerz kennen.
Nach Zehn Minuten war ich zu schwach, um mich noch weiter zu wehren und ließ ich widerstandslos in die Halle ziehen.
Ich spürte Blut an meinem Körper. Fremdes Blut.
Gedanken schossen mir in den Kopf.
Ob … ob das … ob das Hannelores Blut ist?
Ich schüttelte meinen Kopf um die Gedanken loszuwerden.

Man ließ mich los.
Ich prallte mit dem Rücken auf und stöhnte.
Ich versuchte mich aufzurichten, vergeblich.
Die Wunde an meinem Rücken brannte zu sehr.
Ich atmete Stoßweise, versuchte mich zu beruhigen und den Schmerz zu ignorieren.
Doch kaum konnte ich einen auch nur einen Moment klar denken, wusste ich, jetzt beginnen sie.
Es ist als ob diese Männer Gedanken lesen könnten.
Ein Schlag traf mich am Nacken. Ich schrie auf.
Ein zweiter traf mich auf der Wunde, der Schmerz war so stark, dass mir die Luft wegblieb.
Noch mehr Schläge kamen. Ich wusste nicht mit was sie mir wehtaten, ich wollte es auch nicht wissen.
Ich spürte dass sich nun auch der Rest meines Hemdes verfärbte.
Ich sah das dunkelrote Blut schon an den Seiten hervor laufen.
Mir würde übel, ich hätte am liebsten einfach nur gebrochen.
Ein starker Schlag traf mich am Hals, ich schrie, schrie nur noch, laut und schrill.
Ich stützte mich mit den Händen vom Boden ab, kniff die Augen zusammen, mir war schwindelig.
Mein Kopf fühlte sich komisch hohl an.
Ein weiterer Schlag. Das peitschende Geräusch, immer, wenn man mich traf, brachte mein Trommelfell fast zum platzen.
Ich hielt mir die Ohren zu, mein Körper zuckte beim nächsten Schlag zusammen, ich schrie erneut.
Alles drehte sich. Unter mir war alles rot.
Noch ein Schlag. Er war stärker als die vorherigen. Ich riss die Augen auf, verschwommen versuchte ich meine Umgebung wahrzunehmen.
Danach war alles vorbei. Ich weinte. Ich weinte bitterlich.
Das „Sie hat genug.“ nahm ich nicht mehr wahr.
Einer der Männer packte mich am Kragen und zog mich schroff mit sich aus der Halle, ich hörte nicht auf zu weinen, zu kreischen, alles tat mir weh, ich wollte nur, dass es aufhörte.
Ich bemerkte, wie man eine Zelle aufschloss, ich hineingeworfen wurde und das Tor wieder mit einem Rappeln zugeworfen wurde.
Mein Körper landete hart.
Ich stand nicht mehr auf.
Ich blieb liegen. Halb bewusstlos. Wimmernd. Weinend.
Unter mir verfärbte sich der Boden.

Ein grauer Herbsttag. Blätter stapeln sich in einem kleinem verwilderten Garten.
Das Haus, dass zu dem Garten gehört, sieht alt und zerbrechlich aus.
Ein Zaun aus morschem Holz erstreckt sich in alle Richtungen. Ein alter Mann steht leicht gebückt an einem Ende des Zauns und versucht mit seinen zittrigen Händen den Draht, der den Zaun mit einem Rohr vom Haus verbindet, fester zu ziehen. Der Mann kommt dir bekannt vor, selbst sein Husten und Ächzen, wenn er versucht sich wieder gerade aufzurichten.
Dein Blick schweift durch den Garten. Auch er kommt dir bekannt vor.
Selbst die großen Blätterhaufen aus Grün – Braunfarbenem Laub scheinst du schon einmal gesehen zu haben. Du gehst ein Stück. Der Wind spielt mit deinen Haaren.
Du hörst Gekicher. Kinder, die lachen. Erst jetzt, wie du hörst, wie lebensfröhlich diese Kinder klingen, fällt dir auf, wie sehr du das Gefühl vermisst hast, als du nicht lachen konntest.
Plötzlich kommt ein kleines Mädchen hinter einem Busch hervor. Es sieht in deine Augen, aber du bekommst das komische Gefühl, dass sie dich gar
nicht richtig registriert.
Als das Mädchen auf einmal laut kichernd auf dich zu rennt, weichst du ein paar Schritte zurück.
Halt, bleib doch stehen!“ Du wolltest dem Kind ausweichen, doch zu spät. Du siehst das kleine Mädchen vor dir, wie es direkt auf deinen Bauch zusteuert.
Du kneifst die Augen zusammen und denkst an den Schmerz, der in dich dringen würde, wenn das Mädchen mit dir zusammenstößt.
Es kommt nichts. Nicht mal ein kleiner, dumpfer Aufprall.

Aber du spürst etwas anderes. Es ist, als wäre das Lachen des Mädchens in dich hinein gedrungen.
Dich erfüllt ein Gefühl von Sicherheit. Du spürst das Lachen des Mädchens, das Kichern und jede einzelne Bewegung, die sie tut. … aber warum?
Du siehst an dir herunter und stockst, erkennst noch grade Rechtzeitig ihre kleinen Beinchen, bevor ihr ganzer Körper restlos in deinem verschwindet.
Angst überkommt dich.
An der Stelle, durch die das Mädchen grade in dir verschwunden war, bildet sich ein Loch.
Du bist dir sicher, würdest du mit deinem Kopf weit genug runter gehen können, könntest du gradewegs hindurch schauen. Dein Blick schweift verzweifelt durch den Garten, auf der Suche nach Hilfe. Plötzlich hörst du hinter deinem Rücken wieder das Lachen des Mädchens. Das Gefühl, dass sich das Kind in deinem Körper befindet, verschwindet genauso schnell wie es gekommen war. Blitzartig drehst du dich um. Das Mädchen hüpft mit dem Rücken zu dir gedreht davon und rennt um die Ecke des Hauses
Du spürst ein Kribbeln an deinem Rücken. Du drehst deinen Kopf nach hinten. Bei diesem Anblick bleibt dir fast der Atem weg. Hinter deinem Rücken, an der Stelle, an der das Mädchen wieder aus deinem Körper gelaufen zu sein scheint, leuchten einige schimmernde, blass – leuchtende Streifen aus goldener Farbe auf. Der Wind lässt sie sanft im Wind schweben. Du schaust an deinem Bauch herunter und siehst, dass dort dasselbe vor sich geht.
Du musst lächeln, siehst zu, wie sich die einzelnen Lichtstreifen wieder in deinen Körper zurückziehen, wie das Loch von Sekunde zu Sekunde kleiner wird.
Als nur noch ein kleiner, blasser Lichttunnel übrigbleibt, spürst du plötzlich, dass die Umgebung um dich herum kälter wird. Mit einem kleinen Aufblitzen schließt sich die letzte Öffnung in deinem Bauch. Ein kalter Windhauch bläst durch dein schwarzes Haar, graue Wolken ziehen auf.
Du willst zurück zu der Stelle, an der du dich hier im Garten gefunden hattest.
Dein Kopf will dich nach vorne treiben, dein Körper lässt es nicht zu. Er zieht dich zurück.
Hinter dir hörst ein leises Rascheln. Dein Körper dreht sich um.
Du siehst einen Jungen. Er ist sehr dünn, trägt nicht mehr als ein langes Hemd.
Kalte, ängstliche Erinnerungen kriechen in deinen Beine, von denen du nicht weißt, woher sie kommen. Seine Beine zittern stark, als du genauer hinsiehst,bemerkst du, dass er weint.
Du kennst diesen Jungen, du erkennst seine Locken, sein Gesicht, seine Augen … nur .. woher?
Du kramst in deinen Erinnerungen, findest keine Antwort.
Er wendet sich an einen der Bäume, die, im Garten verteilt, an verschiedenen Stellen wachsen.
Der Baum, den er sich gerade ansieht, ist kahl. Man kann mit der Hand keinen Ast fassen, alle sind zu hoch. Der Junge schüttelt leicht den Kopf und geht weiter. Erst jetzt bemerkst du das Seil in seiner Hand. Du fragst dich, was er wohl damit vor hat.
Er geht noch an einigen Bäumen vorbei, sieht sie sich an. Bei allen schüttelt er den Kopf
Dir fällt auf, dass die Bäume alle zu hohe Äste haben, um sie erreichen zu können.
Ein mulmiges Gefühl durchschleicht deinen Magen.
Als der Junge um die Ecke verschwindet, kommt dein Körper mit. Du versuchst mit voller Panik Kehrtwende zu machen, willst dem Jungen nicht hinterher gehen.
Aber dein Körper lässt sich nicht beirren und geht weiter den Weg um die Ecke des alten, zerbrechlichen Hauses.
Den Baum, den du hier siehst, wirkt viel lebendiger als alle anderen.
Er sieht neben der sonst so trostlosen Landschaft schon fast unecht aus.
Der Junge hat sich neben dem Baum niedergelassen.
Über seine Wangen laufen Tränen, er zittert.
Sein Blick wandert nach oben zu einem der Äste, er ist groß und wirkt, als halte er viel aus.
Der Junge steht auf. Geschickt klettert er über die alte Rinde bis hin zu dem Ast, tritt vorsichtig auf, prüft, ob er sein Gewicht aushält.
Der Ast knarrte kurz, du kneifst die Augen zu, doch der Ast schien zu halten.
Du öffnest die Augen wieder.
Er hält das Seil in der Hand und schlingt es über den Ast auf dem er steht.
Bevor er einen Knoten um den Ast schlingt, setzt er sich rittlings auf den Ast, um nicht zu fallen.
Du beobachtest ihn, siehst, wie fest er den Knoten bindet.
Der Junge steht wieder auf. Seine Locken wirken zerzaust, seine Augen rot verweint.
Er stellt sich gerade hin und flüstert etwas. Du kannst es nicht hören.
Vorsichtig nimmt er das Seil und Bindet mit einem geschickten Knoten das Seilende zu einem Kreis. Er prüft genauestens, ob sich das Seil auf – und zuziehen lässt.
Eine schlimme Befürchtung überkommt dich.
Schnell versuchst du den Abstand zwischen Ast und Boden zu ermessen, du bist dir sicher, dass er größer ist als der Junge selbst.
Dein Verdacht auf das Schlimmste bestätigt sich, als du siehst, wie sich der Junge das Seil um den Hals schlingt. Du siehst die Angst in seinen Augen.
Du holst tief Luft, du willst nicht, dass er sich das antut!
Halt, nein., tu das nicht! BITTE!“ Du rennst auf den Jungen zu.
Er schließt die Augen, flüstert erneut etwas und fällt, vor dir wird alles schwarz.
„NEIN, HANNES! NEIN, TU DAS NICHT! NEIN!“
Ich wälze mich auf dem Boden, trete um mich.
Mit einem angsterfülltem Schrei wache ich auf.
Ich schwitze, mein Hemd ist durchnässt. Ich versuche, mich abzuregen, zu beruhigen.
Mein Atem geht schnell, schon fast stoßweiße. Alles dreht sich, mir ist schwindelig. Ich lausche der Wand gegenüber, versuche verzweifelt zu hören, ob Hannes dort schläft, bekomme aber nichts mit.
Ich habe Angst, will seinen Namen schreien, komme nicht dazu. Mein Mund ist ausgetrocknet, ich huste Staub.



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